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Veröffentlicht am: Meldung

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Musik als Türöffner

Hip-Hop im Jugendtreff, internationale Klänge auf der Bühne des Gewandhauses: Zwei vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge geförderte Projekte in Leipzig zeigen, wie Musik junge Menschen zusammenbringt.

"Ich lauf allein durch diese Nacht, hab zu viel gefühlt, zu viel gedacht." Im kleinen Tonstudio des Jugendtreffs Sellerhausen in Leipzig hallen die Zeilen aus den Lautsprechern. Die Stimme klingt kraftvoll und trotzdem nachdenklich. Geschrieben hat sie ein 23-jähriger Teilnehmer des interkulturellen Projekts "BOzZIG – HIPHOP verbindet", das durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) im Rahmen des Bundesprogramms "Gesellschaftlicher Zusammenhalt" gefördert wird.

Uta Saumweber-Meyer, Leiterin der Abteilung Integration und gesellschaftlicher Zusammenhalt im Bundesamt, und Iris Escherle, zuständige BAMF-Referatsleiterin, sowie ihr Mitarbeiter Stephan Grünwald, die für Projektbesuche in der Messestadt sind, hören aufmerksam zu. Der Song erzählt von Zweifeln, Einsamkeit und den Erfahrungen eines jungen Mannes. Genau darum geht es hier: Jungen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund eine Stimme zu geben und Räume zu schaffen, in denen sie ihre Geschichten erzählen können. Die gemeinsame Sprache ist Hip-Hop.

Hip-Hop als Ventil

Der Weg zum Proberaum führt durch die weitläufigen Räume des Jugendtreffs. Hinter einer Tür liegt das Tonstudio. Ein Mikrofon, Computerbildschirme, Lautsprecher, ein Mischpult. Hier entstehen Songs, die oft mehr erzählen als lange Gespräche. Musiker Bernhard Beck, 33, begleitet die Jugendlichen bei den monatlichen Treffen. "Manche kommen bereits mit fertigen Texten oder konkreten Songideen", sagt er. “Andere stehen zum ersten Mal vor einem Mikrofon und müssen erst herausfinden, worüber sie schreiben möchten.

Für viele Jugendliche sei Musik ein Ventil, erklärt Beck. Jeder Song erzählt eine eigene Geschichte. Es geht um Konflikte, Wut und andere Themen, die sie beschäftigen. Durch das Schreiben und Produzieren eigener Songs können die Jugendlichen ihre Erlebnisse teilen und Gefühle ausdrücken. Gleichzeitig lernen sie, dass sie Teil einer Gemeinschaft sind und ihre Perspektive wichtig ist.

Mit Veranstaltungen, Podiumsdiskussionen oder dem Austausch mit lokalen Entscheidungsträgern bietet "BOzZIG – HIPHOP" den Jugendlichen zudem eine Plattform, um gehört zu werden und die eigenen Anliegen teilen zu können. Auf diese Weise ebnet das Projekt den Jugendlichen den Weg, sich mehr ins gesellschaftliche Miteinander einzubringen und setzt so einen zentralen Anspruch des Bundesprogramms "Gesellschaftlicher Zusammenhalt" um.

Musik schafft Selbstvertrauen

"Häusliche Gewalt, Drogen oder Ausgrenzung gehören für viele Jugendliche hier zur Lebensrealität", sagt Projektleiter Daniel Siegl, 42, vom Munkenradio e. V.. Im Studio bekommen diese Erfahrungen Raum, können kreativ verarbeitet werden und bilden einen Ausgangspunkt für Gespräche. Künstlerinnen und Künstler sowie Pädagoginnen und Pädagogen begleiten die Jugendlichen auf ihrem Weg, ihre Stimme zu entdecken und mit Hilfe der Kunst ein Bewusstsein für Themen wie Diskriminierung oder Rassismus zu schaffen.

"Ein respektvoller Umgang ist uns wichtig", sagt Siegl. Wer einen neuen Text vorträgt oder einen Song aufnimmt, soll sich sicher fühlen. "Es ist schön zu sehen, wenn die Jugendlichen Selbstvertrauen gewinnen."

Rund 20 Jugendliche und junge Erwachsene beteiligen sich am Leipziger Hip-Hop-Projekt, ebenso viele sind es am zweiten Projektstandort in Bonn. BAMF-Abteilungsleiterin Uta Saumweber-Meyer zeigt sich beeindruckt von der Arbeit, die das Projekt leistet. "Die jungen Menschen und ihre Sorgen werden hier ernst genommen." Bernhard Beck kenne die Jugendlichen. "Er geht sehr einfühlsam auf die persönliche Lebenssituation der Jugendlichen ein und gibt ihnen Freiräume, sich zu entfalten."

Musikalische Vielfalt

Am späten Nachmittag geht es für die Verantwortlichen des Bundesamtes weiter ins Leipziger Gewandhaus. Noch sind fast alle Plätze im Großen Saal leer. Auf der Bühne stimmen die Mitglieder des Shalomaleikum Jugendorchesters ihre Instrumente. Seit dem vergangenen Jahr treffen sie sich einmal pro Woche zum Proben. Das vom BAMF geförderte Projekt der Transkulturellen Musikforum gGmbH bringt junge Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte zusammen, damit sie sich über kulturelle und religiöse Grenzen hinweg begegnen können.

Wie das funktioniert, wird schon bei der Probe sichtbar. Neben klassischen Instrumenten zählen auch Kanuns oder eine Oud zum Orchester. Einige Jugendliche spielen nach Noten, andere fast ausschließlich nach Gehör. "Das ist eine Herausforderung", erklärt Musikpädagoge Samuel Seifert. Während viele europäisch ausgebildete Musikerinnen und Musiker eng an den Notentext gebunden seien, würden andere Musiktraditionen vor allem über Zuhören und Nachahmen vermittelt. "Auch die musikalischen Vorerfahrungen sind unterschiedlich", sagt Seifert. Einige spielen seit Jahren in Musikschulen, andere wurden vor allem von Familienmitgliedern unterrichtet. Doch genau diese Vielfalt ist gewollt.

Gemeinsamer Klangkörper

Zwischen Probe und Konzert treffen sich die Vertreterinnen und Vertreter des Bundesamtes mit vier Jugendlichen und Samuel Seifert zum Gespräch. Die Atmosphäre ist locker. Es wird gelacht, über Instrumente diskutiert und über die Frage gesprochen, ob im Orchester bereits Freundschaften entstanden sind. "Wir verstehen uns alle wirklich gut", sagt Taim, 17. “Es ist cool, dass Menschen aus vielen verschiedenen Ländern zusammenkommen und wir unsere Musik miteinander verbinden können.” 

Das Musizieren selbst ist dabei nur eine Säule des Projekts. Auch Workshops mit Vertreterinnen und Vertretern verschiedener Religionsgemeinschaften gehören dazu. Beim gemeinsamen Fastenbrechen im jüdischen Begegnungszentrum oder bei Quizspielen mit Fragen über das Judentum, Christentum und dem Islam lernen sie einander auch außerhalb der Proben kennen. Musik werde so zum Türöffner für Gespräche, die sonst vielleicht nie stattfinden würden.

Am Abend füllt sich schließlich der Große Saal im Gewandhaus. Die Aufregung hinter der Bühne steigt. Doch als die ersten Töne erklingen, ist von Nervosität wenig zu spüren. Für  Iris Escherle, die im Bundesamt für das Bundesprogramm "Gesellschaftlicher Zusammenhalt" verantwortlich ist,  bestätigt der Besuch, warum solche Projekte gefördert werden. "Mich haben die Lebendigkeit und die Freude dieser Jugendlichen beeindruckt", sagt sie nach dem Konzert. "Sie haben in ihrer Unterschiedlichkeit einen gemeinsamen Klangkörper gebildet." Besonders sei, dass die Begegnungen weit über das Musizieren hinausgehen. "Wenn sie gemeinsam Feste feiern und Erlebnisse teilen, entstehen Erfahrungen, die Menschen ein Leben lang verbinden."

Text: Kristin Kasten

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